21. September 2015

"Wir haben nur diese eine Welt"

In einem Interview für die "Offene Worte" nahm Holger Lampe (Bauernverband), Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses und Mitglied der Linksfraktion im Kreistag Barnim, Stellung zur stetigen Verringerung landwirtschaftlicher Nutzflächen.

Die Statistiken zeigen, dass immer mehr landwirtschaftliche Fläche verschwindet. Warum?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Womit wir aktuell am meisten zu tun haben, ist die Inanspruchnahme landwirtschaftlicher Fläche für so genannte Ausgleichsmaßnahmen: Also, wenn irgendwo Bäume gefällt werden, müssen an anderer Stelle neue aufgeforstet werden. Da wird am liebsten auf Ackerland zurück gegriffen. Das muss nach aktueller Rechtslage in Brandenburg nicht beplant werden. Weil es auch keinen besonderen Schutzstatus genießt, wird es für Ausgleichsmaßnahmen verwendet. Die nutzbare landwirtschaftliche Fläche geht damit immer weiter zurück, 400 Hektar haben wir allein durch den Bau des Autobahndreiecks Barnim verloren, 3600 Hektar im Barnim und der Uckermark in den letzten 10 Jahren.

Was können Sie dagegen tun?
In anderen Bundesländern gibt es so genannte Integrierte Pläne, nach denen landwirtschaftliche Fläche einen größeren Schutzstatus erhalten kann. Im Ausschuss für Landwirtschaft, Umweltschutz und Abfallwirtschaft des Kreistages Barnim haben wir das jüngst thematisiert und wollen auch, dass über die Regionalen Planungsgemeinschaften landesweit eine Lösung gefunden wird.

Die Rot-Rote Landesregierung will insgesamt eine Strategie bis 2017, damit der Flächenverbrauch zurück geht ...
 Ja, das ist kein Barnimer Problem, sondern ein landesweites. Etwa 90 Prozent aller Flächen im Barnim stehen schon unter Schutz ...

... außer landwirtschaftlicher Flächen ...

... deshalb muss man sich hier über Verbesserungen Gedanken machen, statt nur unbeplante landwirtschaftliche Fläche zu nutzen. Es gibt zum Beispiel Pflegebedarf bei bereits bestehenden Parks oder angelegten Flächen, hier könnte nachträglich weiter bepflanzt werden. Aber das erfordert eben einen neuen Gestaltungsspielraum.

Wenn den Landwirten immer mehr Fläche verloren geht – können sie dann noch bestehen?
Existenziell bedrohlich ist es zum Glück noch nicht. Aber bedenklich ist die Entwicklung auf jeden Fall. In Deutschland stehen 2.400 Quadratmeter Fläche pro Mensch zur Verfügung – einschließlich allen Grünlandes. Gleichzeitig wird über eine extensivere statt einer intensiveren Landwirtschaft geredet. Das geht aber nicht auf immer weniger Fläche. Wir müssen über unsere Flächennutzung nachdenken. Wir haben nur diese eine Welt.

In den Grundschulen muss Milch für Kinder angeboten werden, so will es das Brandenburger Schulgesetz. In einigen Städten und Gemeinden im Barnim erfolgt dies kostenlos, die Kommunen bezahlen das. Geliefert wird oft eine haltbare Mischung, 0,2-Liter mit viel Zucker und Aroma versetzt. Warum kommt die Milch nicht frisch aus der Region?
Das ist sicher eine Frage des Preises: Milch-Mischgetränke, haltbar gemacht, sind preiswerter. Das ist das, was sich die Gesellschaft leisten will. Mit Rohmilch handeln nur wenige. Hier will keiner mehr die Verantwortung dafür übernehmen, dass jeder sie verträgt, schon gar nicht in einer Schule. Es wird soviel reguliert, ja, dass wir damit leben müssen, dass eben Milchmischgetränke an die Kinder ausgegeben werden. Und die Milchproduzenten zahlen zurzeit „drauf“. Im Moment bekommen sie 24 Cent für einen Liter Milch.

Könnte denn im Barnim Milch überhaupt noch so verarbeitet werden, dass sie in den Schulen ankommt?
Nach der Wende haben Molkereien geschlossen, in Brodowin und Lobetal gibt es inzwischen wieder welche. Sicher könnte man über eine regionale Versorgung der Schulen reden – aber wie gesagt, es ist eine Frage des Preises. Die meiste Milch aus dem Barnim wird derzeit weit entfernt verarbeitet. Sie wird nach Bayern oder Polen gefahren, um dann als Joghurt oder konservierte Milch wieder zurück zu kommen. Offenbar ist der Transport auf der Straße immer noch so preiswert, dass sich dieser ökonomische Unsinn rechnet.

Fakten zur Flächennutzung im Barnim

Flächen mit landwirtschaftlicher Nutzung werden durch andere Nutzungen verdrängt beziehungsweise die Art ihrer Nutzung wird beeinflusst. Im Barnim betrifft das gut 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. Nach der Statistik aus dem Jahr 2011 werden im Landkreis 47.733 Hektar landwirtschaftlich genutzt.
Davon werden verdrängt:
- 250 Hektar durch geplante Siedlungserweiterungen
- 291 Hektar durch Freiflächen für Solaranlagen
- 161 Hektar durch Rohstoffabbau
Ob und wie die 47.733 Hektar Landwirtschaftsfläche genutzt werden kann, wird beeinflusst durch:
- Windeignungsgebiete, davon sind 1.544 Hektar betroffen
- Flächen der Uckermarkleitung (360kV-Hochspannungsleitung): 1.585 Hektar
- Überschwemmungsflächen: 2.284 Hektar
- Naturschutzgebiete: 2.463 Hektar
- Naturparks: 259 Hektar
- Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (europäische Naturschutzrichtlinie): 5.171 Hektar
Derzeit wird im Ausschuss für Landwirtschaft, Umweltschutz und Abfallwirtschaft des Kreistages Barnim darüber debattiert, ob nicht bei der künftigen Regionalplanung landwirtschaftliche Flächen einen besonderen Schutz erhalten können.
Dies könnte sich danach richten, ob die jeweiligen Landwirtschaftsflächen eine wichtige Bedeutung für die regionale Wirtschaft haben, wie viele Arbeitsplätze davon betroffen sind – einschließlich nachfolgender Veredlungs- und Vermarktungsstrukturen. Regionalplanung ist eine vorsorgende Planung und muss deshalb auch der Landwirtschaft gerecht werden, die durch Extremwettereignisse vom Klimawandelt betroffen ist.
Holger Lampe