26. Oktober 2010

Linke Ideen und Feuilleton? Betrachtungen mit H.-D. Schütt

Was bedeutet eigentlich „Feuilleton“? Der Gast am 25. Oktober in der Diskussionsreihe „Draufsichten – Ansichten – Einsichten“ Hans-Dieter Schütt, Leiter der gleichnamigen Abteilung bei der Tageszeitung „Neues Deutschland“, gab zu, dass diese Frage ebenso schwer zu beantworten sei wie die nach der Definition einer „sozialistischen Tageszeitung“. Er verstünde in erster Linie darunter „etwas widerspiegeln“, Lesestoff bieten, wobei der Leser sich seine eigene Meinung bilden soll. Zu DDR-Zeiten verstand man darunter vor allem „Kultur“, führte er, der studierte Theaterwissenschaftler und in den letzten Jahren der DDR Chefredakteur der „Junge Welt“, aus. Jetzt bestehe jedoch nicht mehr die Aufgabe, damit „Politik zu machen“, fügte er hinzu und meinte damit eigentlich „die Meinung des Lesers zu machen“.

Und so wurde schon mit den einführenden Bemerkungen des Gastes das lockere und zum Teil heitere Gespräch zu einer Geschichtsstunde über Indoktrinierung in den DDR-Massenmedien. Dabei verschwieg H.-D- Schütt keinesfalls, dass er sich heute z. T. für Beiträge aus seiner Feder aus früheren Zeiten schämt. „Ich war als Journalist ein Demagoge“, sagt er selbstkritisch. In der DDR ging es darum, die Menschen ideologisch zu beeinflussen, und zwar durch die Vermischung von Information und Meinungsbildung. Dabei sei die Grenze zwischen Überzeugung und „Verbiegenlassen“ mitunter nur schwer zu ziehen. Und auch nicht alles sei im Rückblick verwerflich gewesen.

Er habe wie so viele im Osten Deutschlands nach der „Wende“ umdenken, Überzeugungen auf den Prüfstand stellen und Gelerntes über Bord werfen müssen. Bewusst habe er Anfang der 90er Jahre viele Interviews insbesondere mit „Andersdenkenden“ geführt, um neue „Denkwelten“ kennenzulernen. So entstand u. a. „Bloß nicht aufgeben“ mit Regine Hildebrandt. Erstaunt habe ihn dabei, dass seine neuen Gesprächspartner vielfach die Meinung von sich wiesen, die Idee des Sozialismus sei diskreditiert. Vielmehr habe sich die SED mit ihrer Politik diskreditiert.
Der Zuhörer erahnt, dass H.-D. Schütt dieser Prozess des Umdenkens weder leicht fiel, noch abgeschlossen ist. Und doch überzeugt seine Aussage, er fühle sich jetzt als „befreiter Journalist“. Dies spiegele sich auch in einer „anderen Sprache“ wider. „Damals hat man geschrieben, was man musste, heute wird geschrieben, was man kann“, so seine Erkenntnis. Fast erleichtert stellt er fest, dass er eigentlich nur „Sekundärarbeiter“ sei und das Thema, insbesondere bei Theaterkritiken, immer von anderen vorgegeben wird. Dabei negiert er keinesfalls eine „eigene Meinung“, die sich in der Regel beim Schreiben ergibt. Allerdings bekennt er eine gewisse „Angst vor einer eindeutigen Meinung“. Seine Sache sei mehr, bewusst Widersprüche deutlich zu machen. Und er zitiert in diesem Zusammenhang sein Vorbild Martin Walser:“ Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“

Natürlich wurde an diesem Abend auch über das „Neues Deutschland“ und sein Profil diskutiert. So beklagte ein Teilnehmer der Veranstaltung, dass das ND nicht immer als sozialistische Tageszeitung erkennbar sei. H.D. Schütt verwies in diesem Zusammenhang auf die Ambivalenz des Blattes zwischen Verbundenheit mit der LINKEN und dem Bemühen eine zu große Nähe zur Partei zu vermeiden. Die Zeitung setze auf Vielfalt, was sich teilweise in unterschiedlichen Ansichten in einer Ausgabe widerspiegelt. Dies sei spannend und zugleich eine Frage des Überlebens.
Und so wurde der unterhaltsame Abend gleichzeitig auch indirekt zu einer „Werbeveranstaltung“ für das Tagesblatt, das noch jede Menge neuer Abonnenten vertragen kann.

W. Kraffczyk