23. Februar 2015

"Neues von der Drachenbrut"

6. Politischer Aschermittwoch der Bernauer Linken legte Finger in die Wunden

Das Motto des Abends wurde dem Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag am 25. Jahrestag des Mauerfalls entliehen.
Ein gutes Duzend Akteure gestalteten das Programm, musikalisch begleitet von R. Schulz mit der Gitarre und Nanci am Schlagzeug.
M. Ziemann und B. Seeger als interessierte Bürger im Gespräch über Bernauer Visionen.
Altbürgermeister Branzke (H. Ueckert) und sein Nachfolger Dahl (D. Rabe) in der "Zuhörerbox".
Carsten Schmidt überzeugte als Nachrichtensprecher, den in den Vorjahren Klaus Feldmann spielte.

Der diesjährige Politische Aschermittwoch setzte die erfolgreiche Tradition der Bernauer Linken fort, mit viel Humor und bissigem Spot die politischen Ereignisses des vergangenen Jahres in der Stadt, auf Landes- und Bundesebene aufzuarbeiten. Getragen vor allem durch die Bernauer Linksfraktion und ihrem künstlerischen Leiter und Textschreiber Christian Rehmer sorgte die gut ein Duzend Personen zählende Truppe am 20. Februar mit ihren Sketschen und Gesang im vollbesetzten „Ofenhaus“ für viel Spaß bei den Zuschauern, zu denen neben der Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) und der Vorsitzenden der Linksfraktion im Landtag, Margitta Mächtig, auch Bürgermeister André Stahl (DIE LINKE) und der eine oder andere Vertreter der politischen Konkurrenz gehörten.

Im Mittelpunkt standen naturgemäß Themen der Stadtpolitik wie etwa die Anspielung auf einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung (SVV) zu sonntäglichen Ladenöffnungszeiten, woraus auf der Bühne das „Schließen aller Öffnungen“ am Sonntag, einschließlich der Stadttore und der Ausfallstraßen wurde. Auch der Antrag zur Übertragung der SVV-Tagungen als Internet-Livestream wurde thematisiert, wobei dessen Ablehnung als Vorsichtsmaßnahme gegen die Kontrollmöglichkeit der Partner der Verordneten über den Sitzungsabschluss interpretiert wurde. Als Märchen kam die Geschichte der Platzierung der Bernauer Wappenuhr und anderer Kunstgegenstände zur Sprache. Und auch der anhaltende Streit um das „Altanschließer“-Problem fand seine Widerspiegelung in den Texten, etwa wenn die Rede von einem Antrag war, den Marktplatz dienstags von 16-18 Uhr zum Parkplatz zu machen, oder auch die "Absicht" des BfB, das Abwasser wie früher in die Panke zu leiten.
Nicht zuletzt bekam der Bürgermeister in guter Tradition sein „Fett“ ab. So wurde dessen Aussage, 24 Stunden am Tag für die Stadt arbeiten zu wollen, aufs Korn genommen. Zudem wurde mit Blick auf seine erklärte Bereitschaft zur bürgernahen Amtsführung berichtet, er wolle vor jeder Eheschließung mit Heiratswilligen ein persönliches Gespräch führen. Und auch das Verschwinden des Bernauer Ortseingangsschildes wurde mit André Stahl in Zusammenhang gebracht, der wohl die Eingemeindung der Stadt nach Biesenthal betreiben würde. Zudem würde er sich bemühen, das Kürzel BER für KFZ-Kennzeichen verbieten zu lassen, um etwaige Verwechslungen mit dem gleichnamigen Flughafen und einen befürchteten Imageschaden für die Stadt zu verhindern.

Als Höhepunkt des Abends holte Kreisvorsitzender Sebastian Walter in seiner Büttenrede zum Rundumschlag aus. Zunächst sprach er die „Rechthaberei“ Deutschlands im aktuellen Streit mit der neuen griechischen Regierung an, um zugleich die Forderungen von Bundespolitikern nach Aufrüstung entgegen den Lehren aus der Geschichte zu geißeln. Mit Blick auf die Rhetorik US-amerikanischer Politiker gegenüber Russland, die an Zeiten des kalten Krieges erinnern, verwies er auf mehrfache US-Interventionen in den letzten Jahren in anderen Ländern. Unter den Stichworten „Pegida“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ erinnerte er daran, dass sich deutscher Wohlstand auf die Armut in anderen Regionen gründet. Zur Charakterisierung der rot-roten Koalition in Brandenburg nutzte er das Gleichnis mit einem Dampfer, auf dem sich die SPD auf dem Sonnendeck entspannt, während DIE LINKE im Maschinenraum malocht. Und auf Kreisebene „lobte“ er die SPD, die durch „Postenschacher“ etwas gegen Armut in den eigenen Reihen unternimmt.
Zu guter Letzt hielt er auch seinen Genossen den Spiegel vor, in dem er an ein geflügeltes Wort erinnerte: „Der Kommunist hat viele Beulen am Helm – manche stammen auch vom Klassenfeind“.

Überhaupt wurde hin und wieder ein Seitenhieb gegen die eigenen Gefährten ausgeteilt. Während anderen die skurilsten Visionen nachgesagt wurden, würde sich DIE LINKE "vor allem mit sich selbst beschäftigen", hieß es u.a.

Das gut 90-minütige Programm, durch mehrere „Zugaben“ um weitere 15 Minuten verlängert, fand viel Beifall und auch im persönlichen Gespräch danach allseits Anerkennung. Mit Fug und Recht kann konstatiert werden, dass sich dieses Event zu einer festen Größe im politischen Kalender der Stadt etabliert hat. Es bleibt zu überlegen, ob nicht im nächsten Jahr in die Stadthalle umgezogen werden sollte, um dem Besucherandrang Herr zu werden.
W. Kraffczyk
(Fotos: fm/wk)

Kreisvorsitzender S. Walter lief bei seinem Rundumschlag in der Büttenrede zur großen Form auf.
"Bernauer Märchenstunde" mit Fraktionsvorsitzende D. Enkelmann über die Odyssee der Wappenuhr und anderer Kunstgegenstände.
Das Programm kam beim Publikum im vollbesetzten "Ofenhaus" gut an.
Man saß nach Abschluss noch einige Zeit beisammen und "wertete" den Abend frohgestimmt aus.