10. Dezember 2010

Musiker, Künstler und Erzähler

Tino Eisbrenner zu Gast bei "Offenen Worten mit Dagmar Enkelmann"

Musiker zu sein, habe er nach vielem Ausprobieren als seine eigentliche Bestimmung entdeckt,  bilanzierte Tino Eisbrenner am Sonntag bei den "Offenen Worten mit Dagmar Enkelmann" - und mit seiner Gitarre und einer Ballade namens "Der Gedanke" beendete er den Talk auch. Davor hatte Eisbrenner, Jahrgang 1962, erzählfreudig und schlagfertig das Publikum in der Buchhandlung "Schatzinsel" zweieinhalb Stunden lang in den Bann gezogen.

Eingangs war er von Dagmar Enkelmann hintersinnig gefragt worden, was er denn eigentlich nicht mache - so vielfältig sei sein Leben und Schaffen. Eisbrenner kann man heute als Singer/Songwriter, nur vom Gitarristen oder einem Akkordeonspieler begleitet, erleben, als Rockmusiker mit seiner alten Band "Jessica" oder in anderen Besetzungen, er macht Lesungen und hält Seminare ab, bei denen er über die Macht der Töne über das Seelenleben referiert. Inspiriert dazu hatten ihn Besuche bei indianischen Völkern in Lateinamerika. Zwischendurch arbeitete Eisbrenner auch als Kulturmanager im Pfefferberg oder beriet das Western-Eldorado bei Templin fachlich. Ein Motiv für letztere Tätigkeiten war auch, ließ Eisbrenner durchblicken, dass er damit sein Leben finanzieren konnte. Nach der Wende war bei ihm wie bei den meisten Ost-Künstlern ein Jahr lang Flaute gewesen. Mittlerweile ist sein Auftrittskalender gut gefüllt.

Am bekanntesten war und ist Eisbrenner noch immer als Frontmann der - heute würde man sagen - DDR-New-Wave-Band  "Jessica". Innerhalb weniger Jahre war diese von einer Schülerband zu einer Rockgröße des Landes  aufgestiegen. Eisbrenner hat diese Zeit intensiv reflektiert. Heute sei ihm klar, sagte er rückblickend, dass Bands wie "Jessica" oder "Rockhaus" von der DDR-Führung auch benutzt wurden, um das künstlerische Vakuum zu füllen, das durch Ausbürgerung oder Weggang vieler maßgeblicher Künstler Ende der 70er Jahre entstanden war. Dass die Rechnung der DDR-Oberen mit den jungen, angeblich unkomplizierten Bands dann nicht wie gedacht aufging, weil deren Mitglieder, wie Eisbrenner es ausdrückte, einen Kopf zum Denken hatten, stand dann auf einem anderen Blatt.

Eisbrenner erzählte dies und vieles andere offenherzig, bekannte, dass er - obwohl am 11.11. geboren - ein Karnevalsmuffel sei, einen Hang zum Perfektionismus, zu Brecht und auch zu "Schnulzen"-Musik habe, was aber für ihn kein Widerspruch sei. Inzwischen halte er sich bewusst Tage frei, in denen er sich "in Watte" packe und nur Künstler sei, um neue Musik und Texte zu schreiben. Von ihm wird noch zu hören sein.

Manfred Schwarz