21. Mai 2010

Alles chic und schön, aber ...

Über »ältere« Vorbehalte, Respekt und Rot-Rot - ein Interview der Zeitschrift "Disput"

Der jüngste Kreisvorsitzende der LINKEN: Sebastian Walter
Sebastian Walter wohnt in Britz bei Eberswalde, macht derzeit ein freiwilliges soziales Jahr bei der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg, trat schon als Schüler in die Gewerkschaft ein und wollte auf »zwölf Hochzeiten tanzen«, war stellvertretender Landessprecher des Jugendverbandes und Mitbegründer der Initiative für ein tolerantes Eberswalde. Im Februar 2010 wurde er 19jährig Vorsitzender des Kreisverbandes Barnim der LINKEN, womit er wahrscheinlich der jüngste Kreisvorsitzende bundesweit ist.

Bevor wir über dich reden, lass uns über deinen Kreis reden – wo liegt er, wie viele Mitglieder seid ihr?
Der Barnim ist einer der größten Landkreise in Brandenburg. Er erstreckt sich von der Stadtgrenze Berlins bis zur polnischen Grenze im Osten und zur Uckermark im Norden. 177.000 Menschen leben hier, die meisten in Bernau und Eberswalde. Eine Besonderheit sind die Unterschiede: vom wirtschaftlich starken »Speckgürtel« in Berlin-Nähe bis in die strukturschwachen Regionen.
Wir haben 603 Mitglieder, in Bernau sind es 225, in Eberswalde 180. Generell sind im Norden die Zahlen niedriger.
Du bist nicht unbedingt »typisch« für die Altersstruktur.
Nee, leider nicht. Der Schnitt liegt über 60 Jahre, in Eberswalde über 68.
Aber wir haben im Kreis auch einen starken Jugendverband, durch ihn bin ich ja zur Partei gekommen.
Du hast ihn in Eberswalde mitbegründet. Wie ist er entstanden?
Es gab schon immer aktive Jugendliche. 2004 hatte ich ein Schülerpraktikum bei einem PDS-Abgeordneten. Dort fand ich einen Flyer vom Jugendverband und habe mir gedacht, da musst du aktiv werden. Eberswalde hatte etliche Probleme: Arbeitslosigkeit, Rechtsextremismus ... Wir konnten viele junge Leute aktivieren, für den Jugendverband und einige von ihnen für die Partei.
Was habt ihr bei [’solid] gemacht?
Verschiedenes – gegen Rechtsextremismus waren wir aktiv bei »Aufmucken gegen rechts«, haben CD an Schulen verteilt. Vor dem Wahltag sind wir mit Bannern »Bildung statt Beton« durch die Stadt gelaufen und ähnliche Geschichten. Wir unterstützten eine Schulbesetzung gegen die Schließung der Schule. Das war eine große, starke Truppe; jetzt sind viele weg zum Studieren und so.
Wie viele junge Leute seid ihr im Kreisverband?
Das ist eine Minderheit, fünf Prozent sind unter 25.
Kommst du familiär aus einer linken Ecke?
Nee, gar nicht. Mein Vater war zwar früher SED und meine Mutter parteilos, aber »überzeugte DDR-Bürgerin«, doch ab ’90 haben sie immer CDU gewählt; Helmut Kohl – das war für sie Hoffnung, einfach nur Hoffnung. Nach der Wende hofften sie, dass es schnell vorwärts geht. Ich vermute jedoch, dass meine Mutter spätestens 2002 heimlich PDS gewählt hat; das war nämlich das erste Mal, dass sie nicht mehr erzählen wollte, was sie gewählt hat.
Ihr habt zu Hause über Wahlen und über Politik gesprochen?
Ganz viel. Auch bei meiner Oma. Sie erzählte mir immer was von einer »Ellenbogengesellschaft«; ich hab gar nicht verstanden, was sie von mir will.
Oft habe ich mit meinem Vater über Politik diskutiert; ich habe auch frühzeitig Nachrichten geguckt. Woran ich mich erinnern kann, sind die Bilder von der Bombardierung von Belgrad. Da war ich neun. Ich wurde erzogen für Frieden und dafür, dass man sich gegenseitig zuhört. Auch antifaschistische Werte waren meinen Eltern ganz wichtig. Das Gefühl, wie notwendig Frieden ist, kannte ich von meiner Oma – sie hatte die Bombardierung von Dresden mit erlebt und wusste, wie der Krieg zurückkommen kann.
So wurde ich irgendwie politisiert; ich wollte mich engagieren. 2003 sah ich im Kommunalwahlkampf ein PDS-Plakat. Damals wurde gestritten, ob in Eberswalde unbedingt ein neues Haus für die Kreisverwaltung gebaut werden sollte. Und die PDS plakatierte ein Foto mit Kindern: Das Kreishaus kann warten, wir nicht! Da dachte ich: Recht haben sie.
Im November 2004 bin ich dann aktiv geworden bei der PDS. Im selben Monat starb meine Oma, und im Nachlass fanden wir überraschend ein Parteibuch der PDS; ich fand das klasse.
Was haben eigentlich die Eltern zu deiner Wahl zum Kreisvorsitzenden gesagt?
Dass ich nicht zuviel machen soll, dass ich mein künftiges Studium nicht aus den Augen verlieren soll.
Mit 18 war ich ja auch schon jüngster Kandidat für den Kreistag ...
Bist du gewählt worden?
Nee, mir fehlten 25 Stimmen, ich hatte aber 500 mehr als der Landrat.
Also, ich war schon immer aktiv und meine Eltern haben mich nach einer Weile unterstützt. Sie merkten, dass mir Politik total wichtig ist, und haben gemeint: Überleg es dir noch mal. Das habe ich getan und dann gesagt, ich mach es.
Wo war übrigens damals dein Praktikum?
In Bernau, im Wahlkreisbüro von Ralf Christoffers.
Das ist der heutige Wirtschaftsminister ...
Genau.
Was hast du während des Praktikums gemacht?
Die meiste Zeit habe ich mit Ralfs Mitarbeiter diskutiert. Ich sollte das Parteiprogramm lesen, was mir komischerweise Spaß gemacht hat. Das, was zum Sozialismus stand – dass die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist ... –, das hat mich überzeugt. So kam ich zu dem Punkt, dass ich aktiv werden wollte.
Was machst du derzeit beruflich?
Seit September bin ich in einem freiwilligen sozialen Jahr bei der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg. Ich plane Projekte und erkläre Lehrlingen ihre Rechte und wie wichtig Gewerkschaften sind.
Das verschafft dir als ehemaligem Gymnasiasten sicherlich eine völlig andere Sicht?
Auf jeden Fall. Ganz andere Horizonte eröffnen sich. Es ist sehr interessant zu erleben, welche Probleme sie haben. Und bei den Gewerkschaften macht mir Spaß, dass man den Auszubildenden oft sofort helfen kann.
Ab Sommer werde ich wahrscheinlich Lehramt für Geschichte und Politik oder für Politik und Verwaltung studieren, in Potsdam oder Berlin.
Wie stehen die Chancen?
Ich habe ein halbwegs gutes Abitur, Schnitt 2,0. Für mich war immer alles wichtiger als Schule; das war mein Problem – aber ich hatte gute Lehrer mit viel Verständnis.
Du warst Schülersprecher, [’solid]-Gründer, warst bei den Studierendenstreiks vornan – das betrifft sozusagen deine Altersgefährten. Wie wird das nun als Kreisvorsitzender?
... Im Kindergarten wollte ich mal Zirkusdirektor werden.
Willst du das jetzt nachholen, mit Lasso und Peitsche?
Nee, nee! Man muss sicherlich viel dirigieren und zusammenhalten.
Noch mal zurück: Wie wird das als Vorsitzender einer Organisation mit vielen deutlich Älteren?
Dazu habe ich mir nichts direkt überlegt; ich bin, wie ich war, und so will ich bleiben. Das habe ich allen gesagt. Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert. Kreisvorsitzender ist ja auch nicht das große Ding. Aber es stimmt: Für mein Alter ist das schon was Besonderes. Ein Genosse sagte auf der Wahlversammlung: Ich lass mir doch nicht von einem 50 Jahre Jüngeren die Politik des Kreisverbandes vorschreiben. (Es gab auch sechs Gegenstimmen.) Dafür habe ich Verständnis. Ich will ja, dass wir gemeinsam Linien finden. Das ist schon schwierig, da muss ich erst mal reinkommen. Aber ich glaube: Wenn man auf Augenhöhe diskutieren kann – und das kann man –, funktioniert das. Da muss man sich nicht extra Gedanken machen. Ich habe mich nie nur im Jugendverband aufgehalten, ich diskutiere gern und nehme gern Tipps auf. Und außerdem stimmt für mich der Spruch, dass wir in der Partei nicht zu viele Alte, sondern zu wenige Junge sind.
Aber es gibt natürlich Unterschiede. Da muss ich gucken, wie ich mich ausdrücke ...
Inwiefern?
Zum Beispiel nicht zu viele englische Begriffe verwenden.
Das hast du in unserem Gespräch bis jetzt vermieden, Danke für dein Verständnis.
... Im Kreisverband kommt Respekt entgegen, von beiden Seiten. Es gibt auch oft Schulterklopfen, was bei einem älteren Kreisvorsitzenden so vielleicht nicht wäre. Das sind Situationen, wo ich denke, na, Mensch, nett gemeint, und das finde ich ja auch chic.
Du lässt dich gerne mal loben?
Ja, weil ich es wichtig finde, Resonanz zu spüren, zu spüren, dass die Kommunikation stimmt. Daran hapert es doch oft in unserer Partei. Ich will, dass man mehr miteinander redet, und ich glaube, das kommt an. Aber auch Kritik gehört dazu und ist wichtig.
Euer Kreisverband ist sehr ausgedehnt, bis du schon überall gewesen?
Ich bin dabei, ich reise zu den Basisorganisationen und Stadtverbänden. Die Schorfheide fehlt noch, in Werneuchen bin ich übermorgen, dann war ich fast überall.
Sind die Reaktionen ähnlich wie bei deiner Wahl?
Na ja, da gibt’s eine Abwarthaltung, erst mal gucken, wie er sich gibt, was er macht.
Du bist bereits einige Jahre politisch aktiv. Welche Enttäuschungen haben dich besonders getroffen?
Im Alltag sind es die Genossen »Man müsste mal« und »Man könnte mal«. Alle sind Mitglieder dieser Partei. Da ärgert mich, dass nicht alle so aktiv sind, wie ich mir das von ihnen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – wünsche, dass da so eine Wartehaltung herrscht: Wir warten erst mal ab, was der Kreisvorstand beschließt. Aber auf die Idee zu kommen, selbst Vorschläge zu machen, ist schwierig.
Richtig enttäuschend für mich ist, dass selbst in der Kommunalpolitik, wo man denkt, man kann da was verändern, dieser Parteienklüngel funktioniert. 20 Jahre war die SPD im Kreis die stärkste Partei. Jetzt sind wir’s, und die SPD kommt nicht damit klar; im Barnim sind wir die SPD der Hauptfeind. Sie hat eine ganz große Koalition mit CDU, FDP und Grünen gegründet, um einen »roten Barnim« zu verhindern. Wenn man weiß, was sie vorher uns an Posten usw. angeboten hat, damit wir ihren Landratskandidaten unterstützen, dann ist das der absolute Wahnsinn, was da läuft.
Meinst du, unsere Partei ist da immun gegenüber solchen Verlockungen?
Nee! Wir sind im Osten eine Volkspartei, und uns wählt ein Querschnitt der Gesellschaft. Wir werden da nicht immun dagegen sein. Aber solange wir eine starke und aktive Mitgliedschaft haben, die immer darauf drängt, dass wir unabhängig sein müssen, dass wir uns nicht kaufen lassen, dass wir immer anders sein müssen als die anderen Parteien, ist die Gefahr nicht so groß. Im Moment ist DIE LINKE dagegen immun, zumindest in meinem Kreisverband.
Bemerkenswert für euren Kreisverband ist, dass ihr einen Landesminister »habt«, die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion, hauptamtliche Bürgermeister, direkt gewählte Landtagsabgeordnete, ihr seid in fast allen Kommunen stärkste Kraft ... Wie willst du deinen Platz finden?
Ich kenne alle, für zwei von ihnen habe ich schon Wahlkampf mit gemacht; Margitta Mächtig, die im Landtag sitzt, kenne ich von Anfang an. Klar muss ich da meinen Platz finden. So einen Platz, also Respekt und so, muss man sich erarbeiten.
Ja, es gab anfangs ein bisschen die Befürchtung, als ich gefragt wurde, ob ich es machen würde: Wieso soll ein Neunzehnjähriger Vorsitzender eines so starken Kreisverbandes werden? Ich mach’s, weil ich weiß, dass ich Unterstützung bekomme und dass es ein guter Vorstand mit aktiven Leuten ist.
Vorsitzender ist man nicht, Vorsitzender muss man werden. Ich denke, die Zeit werden sie mir geben, und den Platz werde ich finden. Innerhalb der Partei ist das nicht so das Problem. Außerhalb der Partei wird es das viel größere Problem.
Inwiefern?
Dass man nicht ernst genommen wird.
Was habt ihr bisher in die Wege geleitet?
Ich bin ja damit angetreten, mehr Basisarbeit zu machen und mehr miteinander zu reden. Wir planen jetzt eine Veranstaltungsreihe zur Programmdiskussion. Mein Wunsch ist, dass wir das Programm nicht nur innerhalb der Partei diskutieren, sondern auch mit Gewerkschaftern, mit Leuten von Vereinen, Kulturvereinen, wo wir vielleicht nicht so drin stecken. Das versuchen wir in Gang zu bringen.
Nun besteht das Leben ja nicht allein aus Politik und Partei. Was gibt’s sonst an Wichtigem für dich?
Ich habe eine ganz tolle Freundin, sie macht auch gerade ihre freiwilliges soziales Jahr an einer Grundschule. Sie ist politisch nicht aktiv, aber sie akzeptiert das, findet das auch, glaub ich, ganz gut.
Früher war ich im Eberswalder Schwimmverein, habe Fußball gespielt, bin oft Rad gefahren. Jetzt bin ich noch in einer Theatergruppe. Seit der 8. Klasse habe ich im Kabarett an der Schule gespielt: FKK, Finower Kulturkabarett. Das mache ich weiterhin ein bisschen.
Und der Zirkus?
Gibt’s nicht mehr. Irgendwann hat mich die Realität eingeholt und gezeigt, dass Zirkusdirektor vielleicht doch nicht der beste Beruf für mich ist.
Bist du ehrgeizig?
Ja, ja. Sonst wäre ich nicht mit neunzehn Kreisvorsitzender.
Und wenn was nicht klappt, wie reagierst du dann?
Die Zeiten, dass ich sehr impulsiv reagierte und fluchte ohne Ende, sind vorbei. Ich bin ruhiger geworden, das hat auch die Zeit bei der Partei gebracht. Das ist so.
Wenn man dich so hört, lässt sich vorstellen, dass irgendwann an dich die Frage gerichtet wirst, ob du nicht beruflich Politiker werden willst. Willst du beruflich Politiker werden? Hast du schon darüber nachgedacht?
Na klar. Ich kann mir das vorstellen. Aber im Moment steht das nicht zur Debatte. Ich bin ehrenamtlicher Kreisvorsitzender und will mein Studium fertig machen ...
Das steht fest?
Da kann man mich festnageln. Ich habe versprochen, dass ich zwei Jahre Kreisvorsitzender bin und dass ich das zu 100 Prozent bin. Die Verantwortung werde ich wahrnehmen.
Wie stellst du dir deine Partei vor, wie wünschst du dir die Mitglieder?
Dass jedes Mitglied zwei Neue mitbringt. Natürlich kann ich tausend Flyer drucken »Werde Mitglied!« – alles chic und schön. Aber am Ende überzeugt halt die Politik, nur durch gute Politik gewinne ich neue Mitglieder. Da bietet die Programmdiskussion eine riesige Chance. Jetzt kommt sie endlich, und vielleicht können wir darüber Mitglieder gewinnen.
Gegen Politikverdrossenheit kann man nur was tun, wenn die Menschen sehen, dass sie was ändern können – mit ihrer Stimmung, mir ihrem Wirken. Dazu müssen sie nicht alle in unserer Partei sein. Viele ärgern sich über Politik auf der Kreis-, der Landes-, der Bundesebene und laufen mit der Faust in der Tasche rum. Wenn sie den Kopf heben würden und ihre Rechte einfordern, hat es ein Ende mit der Politikverdrossenheit. Die Parteien müssten mal Wort halten mit dem, was sie versprechen. Und müssten mehr Leute, auch außerparlamentarisch, in ihre Arbeit einbeziehen. Da nehme ich DIE LINKE nicht aus. Wir müssen nicht nur sagen, wir müssen auch beweisen, dass wir Wort halten. Auch Minister müssen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben.
Entnehme ich deiner letzten Bemerkung Kritik an der Beteiligung der LINKEN an der brandenburgischen Landesregierung?
Ich war immer ein harter Kritiker des Koalitionsvertrages und habe offen gesagt, mit dem Vertrag werden wir keine politische Wende in Brandenburg hinbekommen. Die Mehrheit der Partei hat das anders beschlossen, da füge ich mich und setze mich nicht bockig in die Ecke, sondern will den Prozess kritisch begleiten und versuchen, dass mehr rauskommt, als in dem Koalitionsvertrag steht. Als Basis, als Kreisverbände haben wir die Pflicht, uns da einzubringen.
Und man muss sehen, dass manches getan wird, was unter SPD-CDU nie gegangen ist, zum Beispiel die Lockerung der Residenzpflicht – dafür habe ich immer gekämpft.
Wie reagierten junge Leute auf deine Vorsitzendenwahl?
Nachdem das in der Presse stand, schrieben mir drei, die ich von ganz früher kenne. Sie wollen jetzt Mitglied werden, weil sie sehen, dass junge Menschen wirklich was zu sagen haben und was bewegen können. Das war cool. Ich will einfach, dass DIE LINKE anders ist als alle anderen Parteien, dass sie demokratischer ist und bessere Politik macht. Und dafür müssen wir kämpfen.

Gespräch: Stefan Richter
Aus http://die-linke.de/politik/disput/aktuelle_ausgabe/detail/zurueck/aktuelle-ausgabe-1/artikel/alles-chic-und-schoen-aber/