Bei anderen gefunden

16. Mai 2013

Cuba Sí - Yoani No!

"Charla con Yoani Sanchez" stand auf einem Schild an der Eingangstür des "Instituto Cervantes" (charla: Gespräch, Unterhaltung, Plauderei). Und so lief die Veranstaltung am 8. Mai 2013, organisiert von "TAZ", "Reporter ohne Grenzen" und dem spanischen Kulturinstitut, dann auch ab. Geplaudert hat Frau Sanchez viel, gesagt hat sie wenig. Vor allem dann, wenn die Plauderei mit ihren Anhängern im Saal von einer Frage unterbrochen wurde, die eine wirklich konkrete Antwort oder eine klare Positionierung von ihr forderte.
 
So wurde sie z. B. mit einer ihrer Aussagen in einem Interview konfrontiert, das Salim Lamrani mit ihr in Havanna geführt hatte. In diesem Interview sagte sie: "OK, aber in Sachen Freiheit der Rede gibt es einen Rückgang verglichen mit Batistas Regierung. Das Regime war eine Diktatur, aber es gab eine pluralistische und offene Freiheit von Presse, Radio und allen politischen Richtungen." Wie zu erwarten, wollte sich Frau Sanchez nicht erinnern, so etwas je gesagt zu haben.
 
Auch bei einer Frage nach ihrer Meinung zu Luís Posada Carriles - verantwortlich für zahlreiche Verbrechen gegen Kuba - vermied sie mit der Bemerkung, sie sei gegen jede Gewalt, eine klare Ansage.
 
Auf Vorwürfe, sie hätte sich in verschiedenen Ländern mit der extremen Rechten getroffen, konterte sie, man möge doch bitte auch sehen, dass sie auf ihrer Reise immer mit Vertretern aller politischen Richtungen spräche - von rechts bis links - und dass all diese Leute ehrbare Persönlichkeiten seien. Hörbares Gemurre von den Anhängern der Bloggerin löste dann eine Nachfrage zu dieser Aussage aus: Ein Zuhörer wollte wissen, ob diese Vertreter der extremen Rechten für Frau Sanchez auch "ehrbare Persönlichkeiten" seien und ob diese Treffen als Indiz verstanden werden können, wie sie sich "ihr" Kuba in der Zukunft vorstelle. Auch diesen Fragen wich sie aus und kredenzte nur noch einmal ihre offenbar gut einstudierte Standardantwort, sie spräche immer mit Vertretern aller politischen Richtungen.
 
Leider hat sich der Moderator des Abends, "TAZ"-Redakteur Bernd Pickert, mit diesem Herumschleichen um kritische Fragen zufriedengegeben. Kein kritisches Nachhaken, so, wie man es von einem guten Journalisten erwartet hätte.
 
An die Vertreter der "TAZ" und des "Instituto Cervantes" gewandt, rückte ein Zuhörer noch einmal die Treffen von Frau Sanchez mit z. B. Jair Bolsonaro in Brasilien oder mit Ileana Ros-Lethinen in den USA in den Fokus. Er äußerte sein Unbehagen darüber, dass die Veranstalter des Abends ausgerechnet am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, einem Gast mit offenbar guten Kontakten zu Vertretern der extremen Rechten eine politische Bühne bieten.
 
Yoani Sanchez präsentierte ihre Antworten lässig und mit einem Dauerlächeln. Sie ist offenbar gut trainiert, sich nicht auf konkrete Aussagen festlegen zu lassen. Auch kann sie sich manchmal an früher Gesagtes nicht erinnern oder gibt einer schlechten Übersetzung die Schuld für Missverständnisse.
 
Was sie politisch wirklich will, verrät ein Satz in ihrem Blog vom 25.2.2013: "Tengo la ilusión de que la era de los monarcas de verdeolivo, sus herederos y su séquito está terminando." (Ich habe die Hoffnung, dass die Ära der olivgrünen Monarchen, ihrer Erben und ihrer Gefolgschaft gerade zu Ende geht.)
 
Gegen den Besuch von Frau Sanchez in Berlin demonstrierten vor dem "Instituto Cervantes" zahlreiche Kuba-Freunde. Mit Postern, Flyern und in vielen Gesprächen lieferten sie jene Informationen über die kubanische Systemgegnerin, die von den großen Medien gern vergessen werden und von den Akteuren auf der Bühne des "Instituto Cervantes" weggeplaudert wurden.

Jörg Rückmann (Cuba si)