30. April 2012

Ein politischer Entertainer

Andrej Hermlin zu Gast bei den „Offenen Worten mit Dagmar Enkelmann“

Dagmar Enkelmann mit ihrem Gast Andrej Hermlin (Foto: L.Weigelt)

Fast zwei Stunden politische Unterhaltung im besten Sinne waren am Sonntag (29.04.) bei den „Offenen Worten mit Dagmar Enkelmann“ zu erleben. Sie hatte sich den Musiker und Bandleader Andrej Hermlin eingeladen, der mit seinem „Swing Dance Orchestra“ und der originalen Swing-Musik der 20er und 30er Jahre seit Jahren erfolgreich unterwegs ist.

Aber es ging nicht nur um Musik. Hermlin, Jahrgang 65, bekam auch Gelegenheit, über seine privilegierte Zeit als Sohn des berühmten DDR-Schriftstellers Stephan Hermlin zu erzählen. In der Schule sei er, so Hermlin, wegen seiner Möglichkeit, in den Westen zu reisen, erst ein Außenseiter gewesen, später wollten aber vor allem die Mädchen Postkarten von ihm vom Lago Maggiore oder aus Paris. „Furchtbar viel“ habe er unter seinem Sonderstatus nicht gelitten. Die wirklich zu leiden hatten, war ja die anderen, die nicht reisen und die Welt sehen durften, bekannte er freimütig.
 
Andrej Hermlin zeigte sich hier wie bei anderen Themen als scharfsinniger und zugleich äußerst unterhaltender Erzähler, der den gut besuchten Treff 23 mit einer Vielzahl von Geschichten beglückte. So habe sich Erich Honecker, der gelegentlich und später immer seltener bei seinem Vater anrief, einmal beschwert, da sei schon wieder jemand Drittes in der Telefonleitung. Dabei habe Honecker das Abhören des Hermlinschen Anschlusses persönlich angeordnet.

Trotz allem Entertainment - bei einem Thema kennt Andrej Hermlin kein Pardon: Antisemitismus. Natürlich sei Kritik am Staate Israel nicht verboten, sagte er, aber für die Beurteilung Israels müssten die gleichen Regeln gelten wie für jedes andere Land. Scharfzüngig legte Hermlin die gängigen Muster, mit denen noch heutzutage der Holocaust – teilweise auch in der LINKEN - relativiert wird, bloß. Hermlin, selbst Mitglied der LINKEN, hegt erkennbar wenig Hoffnung, dass sich an diesen Tendenzen in Deutschland noch etwas grundlegend ändert. Hermlins Ablehnung deutscher Überheblichkeit ist sicher auch ein Grund, warum er sich in Kenia, der Heimat seiner zweiten Frau, mittlerweile zu Hause fühlt.