29. November 2011

Kießling gab Herrn "Niemand"

Enkelmann hatte Kabarettisten bei "Offenen Worten" zu Gast

D. Enkelmann mit ihrem Gast G. Kießling

Treffen Vollblut-Kabarettist und Politikerin mit Faible für Kabarett aufeinander, ist Unterhaltsames garantiert. Davon konnte man sich am Sonntag im Bernauer Treff 23 überzeugen. Bei ihren "Offenen Worten" hatte die Bundestagsabgeordnete Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE) den Kabarettisten Gert Kießling zu Gast.

Eher zurückhaltend war Kießling bei persönlichen Fragen. Den Vater verlor er bei einem Bombenangriff kurz vor Kriegsende. Die Mutter musste sich allein durchschlagen. Kießling konnte nur bis zur 8. Klasse in die Schule gehen, hatte Geld zu verdienen und wurde Fernmeldemonteur. Da war er schon Statist am Theater in Leipzig. Nach einem halben Jahr entschied er sich für die Kunst und schaffte es - als "Arbeiterkind", wie er betonte - auf die Schauspielschule in Berlin.

Mehrfach half der Zufall seinem Lebensweg auf die Sprünge. Während seines NVA-Dienstes suchte das armeeeigene Erich-Weinert-Ensemble eines plötzlichen Ausfalls wegen schnellen Ersatz - Kießling wurde zum Kabarett "Kneifzange" abkommandiert. Auf ähnliche Weise landete er nach zehn Jahren Weinert-Ensemble bei der "Distel". Dort gehörte er 30 Jahre lang bis 2007 zum festen Schauspieler-Stamm. Sichtlich stolz ist Kießling, dass die "Distel" den Sprung vom subventionierten Theater in den gesamtdeutschen Markt schaffte, ohne dass zwischendurch geschlossen oder nicht gespielt worden wäre.

Von Enkelmann auf die DDR-Zensur angesprochen beschönigte Kießling nichts. Weil man die Reflexe der führenden Genossen kannte, wurden absichtlich Textstellen eingebaut, die die ganze Aufmerksamkeit bei der Abnahme auf sich zogen, dafür ging dann anderes glatt durch.

Zum großen Vergnügen der Besucher gab Kießling mehrere Kostproben seines Könnens, zog über  Bundeswehr, Demografie-Falle und Gesundheitswesen her. Gemeinsam mit dem Publikum ließ er den Herrn "Niemand" mit allen möglichen und unmöglichen Versprechungen zur Wahl antreten. Heute ist Kießling nur noch solo in "karitativer Mission" unterwegs, d.h. er tritt vor allem in Krankenhäusern und Reha-Kliniken auf.

Manfred Schwarz