29. Juni 2016

Man sieht nur mit dem Herzen gut ...

Mathis Oberhof zu Gast bei "Offene Worte mit Dagmar Enkelmann"

Walid Habash eröffnet mit einem arabischen Liebeslied
Dagmar Enkelmann und Mathis Oberhof (r.) im Gespräch mit den Gästen

... So könnte man auch die Art und Lebensweise von Mathis Oberhof beschreiben, der diesmal Gast der Offenen Worte bei Dagmar Enkelmann war.
Doch er war nicht allein gekommen. Walid Habash, ein 24jähriger junger Syrer, den er in sein Haus in Basdorf aufgenommen hat, begrüßte die Gäste mit einem zu Herzen gehenden Liebeslied aus seiner Heimat.

Mathis Oberhof, der 1950 in Bremen geborene Pfarrerssohn, hat eine lange politische Biografie hinter sich. Vom linksprotestantischen Elternhaus geprägt, sah er von Anfang an keinen Widerspruch zwischen christlichen und sozialistischen Idealen: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Ende der Profitgier.
In der bleiernen Zeit der Bundesrepublik, in den 70er Jahren, wird er aktiv in der Außerparlamentarischen Opposition (APO), wird Gewerkschaftsfunktionär, arbeitet später 12 Jahre hauptamtlich bei der DKP, zunächst als bayerischer Landesvorsitzender ihrer Jugendorganisation SDAJ, von 1980-84 als ihr Münchner Kreisvorsitzender. Damals besuchte er häufig die DDR. Es war für ihn ein arger Weg der Erkenntnis, dass sowohl in der SED als auch in der von ihr unterstützten DKP seine Ideale einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaftsveränderung nicht durchsetzbar waren. 1984, nach einem Kuraufenthalt in der DDR, bei der ihn eine (wie er später merkt) Stasi-IM eine Falle stellen will, indem sie ihn um Hilfe zur Republikflucht bat, ist er so enttäuscht, dass er aus der DKP aussteigt. Arbeitet als Kurierfahrer, später im Beschwerdemanagement einer Versicherung. 1990 zieht er mit der Familie von Hamburg nach Berlin-Reinickendorf. 2005 fasziniert ihn das Zusammengehen von Gysi und Lafontaine, mit neuem Mut und neuem Elan wagt auch den Neuanfang in der Politik, schließt sich der WASG an, wird Mitglied der Linken, und führt nach seinem Umzug nach Brandenburg mit seiner Frau Wahlkampf in Oberhavel. Doch die Parteiarbeit befriedigt ihn nicht mehr. 2013 tritt er nach heftigen Ost/West-Konflikten wieder aus.
"Die vielen Stunden Lebenszeit, die ich auf endlosen Parteiversammlungen und Kongressen zugebracht habe, hätte ich vielleicht besser für solidarische, mitmenschliche Tätigkeit einsetzen sollen", so das Fazit des heute 66jährigen.

Er gehörte zu den Initiatoren des Runden Tisches der Flüchtlingshilfe in Wandlitz.
Und dass der junge Syrer Walid heute in seinem Haus in Basdorf wohnt, ist so ein Ergebnis praktizierter Solidarität und Nächstenliebe. Gemeinsam haben sie das Gästezimmer, die Gästetoilette zu einer separaten Wohnung ausgebaut, die Möbel gemeinsam zusammengebastelt. Dabei zeigte sich, dass Deutsche und Syrer durchaus andere Vorstellungen vom Bauen haben, erzählen beide mit Schmunzeln. Wo der Deutsche nur mit Wasserwage und technischen Hilfsmitteln hantierte, genügte Walid oft das Augenmaß.

Heute sind der Deutsche und der junge Syrer Freunde geworden, Blogger, die gemeinsam Informationen über die Situation in Syrien sammeln und über das Netz verteilen. "Darin", so Mathis Oberhof, "ist mir Walid haushoch überlegen und ich profitiere von seinen Kenntnissen."
Mathis Oberhof ergänzt: "Wir müssen alles tun, die Fluchtursachen zu bekämpfen, die Ausbeutung der 3. Welt zu beenden, Kriege um Macht, Einfluss und Zugriff auf Rohstoffe zu gewinnen, stoppen. Denn das sind Fluchtursachen. Deutsche Waffenexporte verhindern keine Kriege, sondern erzeugen sie", ist er sich sicher. "Damit hunderttausende Flüchtlinge wie ich in unsere Heimat zurückkehren und sie wieder aufbauen können", ergänzt Walid.

Den Kriegsflüchtlingen hier und heute zu helfen sei aber eine Sache des Herzens.
Mathis Oberhof ist froh, dass viele Deutsche inzwischen dieser Sprache ihres Herzens folgen und nicht rechten Parolen hinterherlaufen.

Mit Ausschnitten aus dem gemeinsam erstellten ergreifenden Video-Film "Meine Heimat Aleppo", endet die Veranstaltung in Waldfrieden. Es sind die Bilder einer prachtvollen, glänzenden orientalischen Stadt, die denen ihrer Zerstörung gegenübergestellt werden. Walid singt zu diesem Film, "Werde ich dich jemals wiedersehen, unversehrt und selig, in deiner Pracht?"
M. Ziemann