22. Oktober 2012

Das Talent zum Widerspruch

Kabarettist Lutz Stückrath zu Gast bei „Offene Worte mit Dagmar Enkelmann“

(Foto: B. Mierau)

Unterhaltsam und nachdenklich präsentierten sich am 21. Oktober die „Offenen Worte mit Dagmar Enkelmann.“ Die Bundestagsabgeordnete hatte sich den Kabarettisten und Autoren Lutz Stückrath nach Bernau eingeladen.
 
Im vollbesetzen Treff 23 erzählte Stückrath, oft mit ironischem Unterton, aus seinem an Wechselfällen reichen Leben. Er, der gelernte Schlosser, entdeckte in den 1950er Jahren im „Blitzlicht“, dem Kabarett des Berliner Glühlampenwerks, sein „Talent zum Widerspruch“ und ging dann, eigentlich ein überzeugter Kriegsgegner, doch zur Armee, um das Schauspiel-Handwerk zu erlernen. Wie Stückrath, schlagfertig und mit Mutterwitz ausgestattet, sich durch die Widrigkeiten des Alltags und von Hierarchien und Bürokratien kämpfte, sorgte im Treff 23 für regelmäßige Lacher. Kein Auge blieb trocken, als Stückrath aus seinem leider vergriffenen Buch „Gute Seiten, schlechte Seiten“ die Passage vortrug, wie er im eiskalten Januar im Osten Berlins einen Brautstrauß besorgen musste, um seine Frau, mit der er noch heute verheiratet ist, zu ehelichen.
 
Am meisten hängt sein künstlerisches Herz, das wurde schnell klar, noch an den ersten Folgen des „Kessel Buntes“, bei denen er als einer von drei Moderatoren („Die Drei Dialektiker“) nach „bestem Wissen und Gewissen“, wie er in Bernau sagte, über die DDR satirisch herziehen konnte. Ab der 7. Folge des „Kessels“, als sie mit einem Sketch angeblich die DDR-Bauarbeiter beleidigt hatten, wurden die drei an die ganz kurze Leine genommen. Ihre Texte schrieben nun andere und sie beschränkten sich mehr und mehr auf das Ansagen des nächsten Künstlers. Wie sehr Stückrath schon damals am einstigen TV-Straßenfeger hing, lässt sich daran ablesen, dass er und die beiden anderen noch bis Folge 26 durchhielten.
 
Soviel Langmut legte er später nicht mehr an den Tag, schied in Unfrieden von der „Distel“ und zog als Freischaffender, heute würde man Entertainer sagen, durch die DDR. Sein Nach-Wende-Engagement bei den Westberliner „Stachelschweinen“ dauerte dann weniger als drei Jahre. Aus seiner linksorientierten Haltung machte Stückrath in Bernau keinen Hehl, so habe er den schnellen Anschluss der DDR nicht gewollt. Mit der heutigen Comedian-Lustigkeit des „Ablachens“ kann er nicht viel anfangen, auch wenn die Mehrheit des Publikums diese Erwartung offensichtlich hege. Für Stückrath ist Kabarett untrennbar mit Neugier auf Wissen und Bildung verbunden, wofür er am Sonntag dankbare Zuhörer fand.
J.St.